Inselgeschichten
Eindrücke vom Leben auf der Insel Kythera
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Das Glück im Westen

Mai 30, 2016

Bis zum 26. November flüchteten ca. 721.000 Menschen über die Türkei nach Griechenland.

Mehr als 3000 Menschen starben (und sterben !)beim Versuch das Mittelmeer mit faktisch ungeeigneten Booten zu überqueren.

Die griechische Regierung ist völlig überfordert.

Die Situation auf den östlichen Inseln, in Athen und an der Grenze zu Mazedonien ist menschenunwürdig und spitzt sich täglich zu!

Es wird ernsthaft diskutiert Griechenland aus dem Schengenraum „zu werfen“ und die „Schengengrenze“ ab Mazedonien zu sichern.

Die „Balkanroute“ wird ohne Einbezug Griechenlands geschlossen!! Griechenland wird zur „Sackgasse“ In Idomeni erleben Flüchtlinge ein unsäglichen Elend, versinken im Matsch, haben kaum zu essen, frieren Nachts unter improvisierten Zeltplanen und wissen weder ein noch aus.

Das Camp bei Idomeni wird in der letzten Maiwoche 2016 geräumt. Die Menschen werden in oft völlig unzulänglichen sogenannten Hotspots ohne Perspektive kaserniert.

Das Glück im Westen

Ein wunderschöner Tag.
Einige kleine Schäfchenwolken ziehen vorbei.
Die Sicht zur Peloponnes ist fantastisch.
Majestätisch durchqueren ein, zwei grosse Frachter die Meerenge.
Ein Hund bellt.
Knatternd stört ein durchlöcherter Motorradauspuff die Idylle.
Dann wieder Ruhe.

Die meisten Geschäfte machen erst um 6 Uhr auf.
Die Metzgersfrau schwatzt mit Dimitri, dem Koch.
Der Besitzer des Kafenions repariert einen Stuhl.
Drei Männer spielen daneben Tavla und schlürfen Kaffee.
Katharina langweilt sich im Magazin. Ihre Kollegin ist in Athen.
Jetzt muss sie fast 10 Stunden täglich das Geschäft hüten.
Hier findest du alles, was du brauchst, aber am Nachmittag im Mai kannst du die Kunden an einer Hand abzählen.
Die Farben wechseln langsam vom Gelb des Ginsters in das Hellblau des bühenden Thymians, ein überraschend intensives Blau.
Von einem Tag auf den anderen ist es Sommer.

Es ist friedlich auf Kythera.
Die Insel liegt im Westen.

Nachtrag:

Egal ob wir in “Heile – Welt – Ecken” in Griechenland, Österreich, Deutschland oder in der Schweiz sind.
Es darf nicht sein, dass wir uns an die Schrecklichkeiten und Unmenschlichkeiten  schleichend gewöhnen.
Wir sind mitten drin! Überall! Egal wo wir sind!

Nur, der Norden ist näher an der Verantwortung!

In der “Heilen Welt des Nordens” werden die Rüstungsgüter produziert und exportiert!
Von dort aus kann grünes Licht für sichere Fluchtwege gegeben werden.
Dort gibt es die wirtschaftliche Kraft, die das Elend mindert!

Es sind unsere Regierungen, die  entscheiden, was z.B. in den “Hotspots” passiert.
“Unsere Repräsentanten” werfen den Griechen vor, die Grenzen nicht “wirkungsvoll” zu “schützen” und fordern noch mehr abschreckende Massnahmen, um nicht “die falschen Signale zu senden”.

August 15

August 23, 2015

Was für ein Sommer.

Nie wärmer als 33 Grad.

Kaum Mücken!

Keine Wespen!

Ein angenehmer Wind und glasklares, erfrischendes Wasser.

Und dann kamen sie, die Touristen aus den anderen Teilen Griechenlands, besonders die aus Athen, die die es sich leisten können und die verwandten Familien aus Australien.

Viele. Überraschend viele.

Grosse Tischreihen lassen die Familien zusammensitzen. Auch wenn man in Sydney wohnt, kennt man die Nachbarschaft auf der Insel und es wird zusammen gegessen und getanzt als sei es das letzte Mal!

Die dicken 4X4 aus Athen verdrängen die kleinen Mietwagen der holländischen Touristen. In den Tavernen braucht es Vorbestellungen, die Strände sind heftig belebt.

Kythera im August.

Fast täglich gibt es ein Konzert irgendwo in einer Taverne oder an einem Strand. Klassisch, griechisch, Pop oder einfach unplugged, wie in den guten alten Zeiten.

Wenn du es schaffst bis weit nach Mitternacht zu bleiben, wirst du vielleicht mit auf den Tischen tanzen.

Fotoausstellungen in Chora, Malereien in Potamos, das Sommerkino, heute z.B. mit Behn Zeitlin’s „Beasts of the Southern Wild“ oder morgen „Mama Mia“…..kulturell wird echt was geboten!

 Kythera im August ist anders. Die wirkliche Welt ist weit weg.

Die Tränen der Mütter, die die verlorene Zukunft ihrer Kinder betrauern, erahnst du erst wieder im September.

 

 

 

……und jetzt?

September 25, 2014

 

Die schier unerträgliche Schockstarre löst sich. Langsam!

Familien flanieren abends wieder am Hafen von Agia Pelagia, es wird gelacht, und man geht – ab und zu – wieder mal aus. Die Teller werden leer gegessen. Die sonst so üblichen Speisereste sind verputzt. Die Rechnungen werden unaufgeregt geteilt und die Hahnenkämpfe um das Bezahlen werden seltener.

Mein Nachbar hat immer noch keinen Job, aber für seine Gelegenheitsarbeiten bekommt er jetzt wenigstens etwas Geld. Meistens.

Petros wirkt zufrieden, wenn ich mit meiner Entdeckung, dem „Fix – Dark“, dem neuen dunklen Bier , vorbeikomme. Nur nicht an den Winter denken. Hoffentlich ist er genau so milde wie die letzten.

Sogar im September sind Gäste auf der Insel. Viele von Ihnen müssen zwar auch jeden Cent umdrehen aber sie sind hier und profitieren von den Sonderangeboten, die die Veranstalter den Hotels und Tavernen abgerungen haben.

Die Besucher lieben nicht nur die Ruhe der Insel, sondern sie suchen oft das Gespräch mit den Leuten. Sie wollen wissen, wie es ihnen geht.

Die Scham über den dramatischen Abstieg vom (nicht nur) Europameister 2004 zum „Pleitegriechen“, dessen Lebensstil verletzend diffamiert wurde, legt sich langsam.

Zu deutlich sind die grundsätzlich politischen Unzulänglichkeiten, die sich auch bei anderen Staaten – nicht nur den südlichen – zeigen.

Endlich gibt es Raum für differenziertere Analysen und sogar, ab und zu, für Selbstkritik. Eine Spur von Hoffnung schimmert auf, auch wenn der Alltag die wahltaktisch motivierten „Aufschwungs-reden“ als Lüge entlarvt.

Nein, es ist nicht besser ( wie auch? Wie kann man in ein paar Jahren eine konkurrenzfähige Industrie aufbauen? Die Kredite für Staat und Bürger haben immer noch die höchsten Zinsen in Europa. Von Steuergerechtigkeit wird viel geredet aber nichts umgesetzt. Also: wer kann, zahlt nicht. Jetzt erst recht nicht! Naja….und wer jahrelang gelernt hat, dass es nur mit Hilfe von Freunden und Verwandten irgendwie weiter geht, kann es sich jetzt erst recht nicht leisten auf dieses Netz zu verzichten. Die Korruption blüht!).

Man hat sich mit der Situation arrangiert oder ist es besser zu sagen, abgefunden? Zum Beispiel gehen die Kinder jetzt Ende September immer noch nicht zur Schule, weil die Schulbusfahrer streiken. Sie warten noch auf Ihren Lohn von 2013. Ti na kanoume?! Was willst du machen!?

Ich sitze beim neu eröffneten Friseurladen von Elefteria in Karavas.

Sie setzt das gesamte, noch übrig gebliebene Vermögen Ihrer Familie und das von Ihrem Mann auf diese eine Karte! Sie hatte einen erfolgreichen Einstieg und ist gut gelaunt.

Wir plaudern über das neue Spital auf der Insel, über den langen Kampf gegen die Bürokratie (das Spital war 2012 fertig, dann hiess es, die Insel sei zu klein für ein Spital) bis es endlich vor wenigen Wochen – völlig gegen den griechischen Trend – eröffnet werden konnte. Klar, das ging nur mit den Geldern von australisch-griechischen Gönnern. Aber jetzt ist es da und sogar Leute aus Athen lassen sich hier behandeln.

Elefteria sprudelt vor Stolz und erzählt wie ein Wasserfall. Sie schwärmt von ihrer Tante, die das beste Honigmelonen Eis der Welt zaubere und wie sie mit anderen Frauen zusammen vielleicht eine Gelatteria eröffnen wollten. Natürlich mit Eiern von eigenen Hühnern und Rezepten direkt aus Rom! Ja! Und ob ich das wüsste, Freunde von ihr hätten eine Tauchschule eröffnet, und die Idee von dem River canyoning sei doch genial! Sie wolle am Abend noch ins Asticon, es käme eine bekannte Musikgruppe aus Athen, nein, sie glaube nicht, dass sie Lohn bekämen aber sie seien befreundet mit Panajotis dem Besitzer der Bar! Es wird ein toller Abend werden.

Meine Haare sind wieder kurz. Perfekt geschnitten.

Auf dem Heimweg überfällt mich plötzlich das Gefühl, ich könne hier alt werden.

Und das hat nichts mit dem Wetter zu tun. Die Sonne scheint auch in der Schweiz.

 

 

 

Eine Frauengeschichte

Februar 1, 2014

Ob SIE (!) es ist? Wirklich?

Aber dann kommt die Hektik auf, am Security Check….. Jacke aus, Handy und Geld in die Kiste! „Ja, kommen Sie…..nein!!”. Es piepst. Wieder zurück, Gürtel aus, PC öffnen

…..und sie ist nicht mehr da.

Aber jetzt. Unglaublich.

Sie ist an Bord, und sie setzt sich auf den freien Platz! Neben mir!

Haris?

Der Mund, ihr Lächeln, ihre Augen, die Haare. Sie sieht ihr unglaublich ähnlich! Aber nicht wie Haris auf der Bühne, (dort ist sie immer noch eine beeindruckend attraktive Frau, aber doch schon älter und rundlicher) sondern meine Sitznachbarin sieht so aus wie Haris Alexiou auf den Plattencovern, jung und mit einer unerhört anziehenden Ausstrahlung.  Wie meine Lieblingssängerin!!

Sie spricht mich an! Plaudert im perfekten Deutsch über die Schweiz, über ihre Freundin in Zürich, die Rechtsanwältin ohne Familie, die sie jeden Sommer besuchen kommt. Ja, sie komme von Andros, habe dort einen Schmuckladen, sogar zwei. Einen am Hafen und einen in der Chora. Wir kommen auf die Krise, die fehlenden Einnahmen, die Politiker, die alle im Ausland studiert hätten und von dort geprägt wären.

Nein, sie fliege nicht zu ihrer Freundin, sondern von Zürich aus weiter nach Brüssel. Dort würde ihr Sohn Medizin studieren. Es sei nicht einfach für ihn. Die fremde Stadt, so allein und die schwere Sprache.

Plötzlich wird sie still, wirkt unendlich traurig.

Er sei krank geworden. Habe nach Weihnachten nicht mehr nach Brüssel zurück gekonnt. Nein, die Ärzte wüssten nicht, was er habe. Er sei auch nicht ehrlich. Ob Drogen im Spiel sind? Er sei jung, 18. Hoffnungslos von seinem Vater verwöhnt. Sie wisse gar nicht wie viel Geld er ihm immer wieder zustecke. Und das in diesen Zeiten. Der Laden würde nur noch Kosten verursachen und nichts mehr einbringen. Vater und Sohn machten sich über sie lustig. Es würde ihr zu viel. Eigentlich könne sie nicht mehr.

Jetzt sprudelt es aus ihr heraus.

Sie sei immer die Aufräumerin. Müsse alles immer gerade biegen. Jetzt sei sie unterwegs mit drei leeren Koffern, um die Wohnung des Sohnes aufzuräumen, zu putzen und aufzulösen. 1000 Euro im Monat, im Zentrum! Wie sollten sie das bezahlen.

Er müsse jetzt erst einmal wieder gesund werden. Das sei das Wichtigste.

Ob er weiter studieren könne?

Sie glaube nicht, dass er wieder zurück gehe. Die beiden Männer machten sich was vor!

Wir landen.

Sie wird sich in Brüssel kein Taxi nehmen. Sie wird mit den leeren Koffern in der letzten U-Bahn sitzen.

Sie wird den Dreck des Sohnes weg kratzen, wahrscheinlich Berge von Wäsche waschen und sich mit dem Vermieter herumschlagen. Sie wird versuchen, den Studienplatz noch zu reservieren und wird wegen den Studiengebühren verhandeln wollen.

Sie wird sich keinen Stopp – over in Zürich leisten, um mit der Freundin eine kleine Auszeit zu haben. Sie muss zurück.

Aufräumen.

Weltuntergang im Januar

Februar 1, 2014

 

Ich erschrecke über die Wassermassen, die unseren kleinen Weg in Sekunden zum reissenden Fluss werden lassen.

Der Weg verschwindet im Nebel, wie die Umrisse unserer Nachbarschaft. Der Regen prasselt dröhnend auf`s Dach. Dieser Januarmorgen verbreitet Weltuntergangstimmung. In den Sekunden, an denen ich an den Halterungen der Fensterläden fingere, um sie zu schliessen – das Wasser dringst sonst ein – werde ich tropfnass.

 

Schwarze Wolkenwände, schieben sich drohend auf das Haus zu. Mitten am Tag wird es dunkel. Die Elektrizität lässt unsere Glühbirne noch einmal kurz flackern, dann ist der Strom unterbrochen. Der Wind pfeift drohend durch den Kamin.

 

Mein Flieger geht morgen. Ob ich vorsichtshalber heute das Schiff nehmen soll?

 

Heute um fünf? Ob das fährt? Das Telefon schweigt. Klar!

 

Runter zum Auto. Kein Mensch auf der Strasse. Im Reisebüro sollte jemand sein.

Der Wagen drängt die Wassermassen auf die Seite und knallt ab und zu hart in die jetzt unsichtbaren Schlaglöcher. Plastikfetzen fliegen durch die Luft und bleiben am Scheibenwischer hängen.

Im Büro ist keiner! Der Fahrplan an der Tür gilt bis zum Oktober letzten Jahres. Ob jemals wieder auf dieser Insel ein Schiff anlegt oder gar ein Flugzeug landet?

 

Auf dem Weg zurück ins Haus reisst der Himmel auf. Die Sonne scheint mir direkt ins Gesicht. Im Osten ist der Himmel blau.

 

Avlemonas liegt wohl in der Sonne.

 

Vielleicht doch einfach einen Ouzo und einen Fisch. Mal schauen, wie es morgen wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kali andamossi καλή αντάμωση!

November 5, 2013

Der Kampf um den Fischkopf in der Nähe unseres Tisches ist heftig! Fast ein Dutzend Katzen streiten sich zischend und fauchend bei dem Versuch wenigstens einen Bissen von unseren Essensresten zu erhaschen. Seit dem die letzten holländischen Touristen am Montag wieder in den Norden geflogen wurden, sind die Tavernen am Strand von Agia Pelagia verwaist. Sogar die Vogelschwärme sind verschwunden und haben ihren Weg nach Afrika fortgesetzt.

Die Insel leert sich.

Auch wir verabschieden uns von unseren Freunden und den Nachbarn, tätigen den letzten Einkauf bei Elefteria in Potamos, essen noch einmal bei Takis und lassen uns von Dimitri die Winterreifen auf unseren Kangoo montieren. Ja, sicher, in der Schweiz kann es jetzt schon schneien. Wir müssen über die Berge!

Der nächste Winter wird nicht mehr lange auf sich warten lassen, auch wenn die Temperaturen (es sind immerhin noch um die 25 Grad!!) uns vorgaukeln wollen, dass der Sommer hier nie aufhören wird.

Das „Kalo Chimona“, das „Hab einen guten Winter!“, mit dem oft schon im August die Sommergäste augenzwinkernd verabschiedet werden, klingt jetzt anders. Es ist schwerer! Mir scheint der Händedruck zum Abschied ist heftiger, die Umarmung inniger. Das „Kalo chimona“ wird, das wissen hier alle, für die Menschen auf der Insel kaum einlösbar sein. Die Reserven sind verbraucht, das Heizöl unbezahlbar und das Holz viel zu schnell verfeuert. Die Sorge vor der ungewissen Zukunft richtet sich jetzt erst einmal auf die kommende kalte und einsame Zeit.

Kali andamossi! Gutes Wiedersehen!

 

 

 

 

Hoffnung

Oktober 21, 2013

Die öffentlichen Gesundheitsausgaben sind von 9.8% BSP (vor der Krise) auf 6% des BSP (des nach der Krise reduzierten BSP) zusammengestrichen worden.

Krankenhäuser werden geschlossen, medizinische Ausstattungen drohen zu verfallen. Die Kostenbeteiligung der Patienten ist teilweise von 5% auf 25 % gestiegen. Krebs- und Nierenkranke müssen Ihre notwendigen Behandlungen häufiger wegen dem generellen Mangel an bestimmten Tests und Medikamenten aufschieben.
Dazu kommt, dass mehr als 4000 gut ausgebildete griechische Ärzte wegen ihrer Frustration mit dem Verfall des Systems, den vermehrten Überstunden und den andauernden Lohnkürzungen ins Ausland ausgewandert sind.

Patienten müssen für ihr Recht auf medizinische Versorgung weit entfernte Gesundheitszentren aufsuchen.

Stell dir vor, du bist auf der Insel und du bist krank.

Nicht das Unpässlichsein mit Touristenwehwehchen, die sonnenverbrannte Schulter oder der geschwollene Arm wegen der Wespe.

Nein, du bist schwer krank.
Vielleicht sogar sterbenskrank.

Jede Berührung tut dir weh, das Atmen ist mühsam und das Sprechen eine Qual.
Jeder Luftzug lässt dich frieren und jedes Geräusch martert dir den Kopf.

Du hast keine Gönnermitgliedschaft bei der Schweizer Rega, die dir notfalls einen Learjet mit Arzt und Hightech schickt.
Du bist Einheimischer auf der Insel und der Arzt sagt dir, du bräuchtest einen Spezialisten.
Dein Gesundheitszustand ist nicht akut lebensbedrohend.
Der Helikopter kommt nicht!
Du kannst nicht sitzen.
Es bleibt die Fähre.

F/B V. Konaros soll nächsten Sonntag um 22.30 auslaufen.

Die Ambulanz wird dich kurz vorher holen.
Vielleicht hast du noch ein Fünkchen Humor, und du denkst, du seist schon im Himmel, wenn dich die zwei äusserst attraktiven jungen Frauen in den fast nagelneuen Krankenwagen der Insel schieben.

Im Hafen von Diakofti erwachst du aus diesem Traum!

Nach zwei Stunden Verspätung, das Wetter ist schlecht, läuft die Fähre nach Mitternacht aus.
Dein Krankenzimmer, gleich am Eingang, ist kaum grösser als die Pritsche auf der du liegst. Es stinkt nach Diesel.
Der Kahn rappelt. Dir wird kotzelend.
Du ahnst, dass die 8 Stunden auf dem Schiff zur Qual werden.

Du kannst nichts mehr denken. Der Schiffsarzt ist unerträglich gelangweilt, wenn du ihm von deinen Schmerzen erzählst. Noch Stunden! Und dann?

Das Krankenhaus wird überfüllt sein. Ob ein Arzt Zeit hat? Ob sie die richtigen Medikamente haben?
Du bist allein! Der, der mitkommen wollte, bräuchte ein Hotel oder einen Freund in der Stadt. Wer weiss wie lange. Dazu reicht keinem mehr das Geld.

Die Sozialarbeiterin der Insel brachte sogar ihren Bruder ins Spiel. „Weisst du, wenn du Glück hast und nach einigen Tagen ambulant betreut wirst, kannst du bei ihm schlafen.“
Aber jetzt geht ein Rucken durchs Schiff.
Sie legen an!
Es wird laut. Gehupe, sie lassen die Motoren an, ein hektisches Hin und Her.

Die Sozialarbeiterin heisst Elpitha. Die Hoffnung! Wirklich.
Diesen Namen ändere ich nicht!

Stille

Oktober 13, 2013

wurde am 21.9. 2014 geschrieben.
Drei Tage nach der Ermordung von Pavlos Fyssas, einem 34 jährigen jungen Antifaschisten.
Pavlos, ein bekannter griechischer Rapper, wurde auf offener Strasse von Mitgliedern der Chryssi Avgi in Athen ermordet.
Die „Goldene Morgenröte“ ist eine rechtsradikale Partei, die 2012 mit 7% Stimmenanteil den Sprung in das griechische Parlament schaffte.
Nach Meinungsumfragen käme sie jetzt auf ca.10-13% und wäre damit drittstärkste Partei.
Analysten glauben,(vergl. Griechenlandzeitung 21.9.) dass die Chryssi Avgi ihre meisten Wähler aus dem rechten Flügel der ND rekrutieren konnte. Wohl auch aus diesem Grund scheint es Samaras bisher vermieden zu haben, auf einen absoluten Konfrontationskurs mit dieser Partei zu gehen. Kritiker glauben, dass er mit dieser Politik versuchen wollte, seine ehemaligen Wähler aus dem rechten Lager zurück ins eigene Lager zu holen.

Es ist ruhig.
Vollkommen still.

Kein Mofa knattert in der Ferne, keine Olympic kreist am Himmel.
Auch aus dem Dorf, kein Lachen, Schimpfen. Einfach nichts!

Die Säge unseres Nachbarn ist aus.
Der Hofhund auf der anderen Seite des Dorfes, der mir mit seinem Gekläffe den letzten Nerv rauben kann, ist verstummt.

Kein Vogel, zwitschert fröhlich herum. Einige sitzen auf der Leine und schauen einfach in die Gegend.
Weder die Fliegen, noch die sonst massenhaft brummenden kleinen und grossen Käfer summen.
Sogar die Wespen, eine unausstehliche Plage in diesem Sommer, die sich sonst weder von Schweizer Wespenfallen noch Fliegenklatschen beeindrucken lassen und ständig angriffslustig um uns herum surren, sind jetzt nicht da!

Es ist still!
Totenstill!

Kein Wind heult.
Keine Wäsche zerrt klatschend an der Wäscheleine.
Schlaff, wie ein Trauerflor, hängt sie einfach da.

Der Himmel zieht sich zu.
Das strahlende Blau wird zu tief Dunkelgrau.
Es nieselt.
Kein prasselnder Regen, einfach lautloses Nieseln.
Der Himmel weint.

Das plötzliche Stöhnen unseres Kühlschranks schreckt mich auf.
Petros unser Nachbar klopft an unserer Hoftüre.
Lachend kommt er hoch!

Wir müssten was machen, meint er. Die Wespen nehmen Überhand. Hast du einen Wein? Lass uns schauen, wo Sie ihr Nest haben.

Kali Tichi!

März 20, 2013

Der Wind, der seit Wochen mal sanft und dann heftig fordernd um die Insel heult, hat nachgelassen.
Von einer Minute auf die andere ist es still!
Die immer noch wärme Abendsonne taucht die Hügel und ihre Olivenbäume in ein rötlich schimmerndes Licht. Mit den Zypressen und den alten Grenzmauern wirkt die Umgebung des Kafenions wie ein Gemälde.
Sogar die zwei leidenschaftlichen Tavli Spieler schauen auf.
Wie immer um diese Zeit werfen sie ihre kleinen Würfel.

Ob Ihr Lachen heute ein wenig schrill oder unangemessen laut klingt?

Wer weiss schon, dass Petros seit Wochen in einem leeren Haus schläft?
Maria, seine australische Frau ist mit den Kindern schon vor Wochen weg, zurück nach Australien. Wie viele von hier glauben sie nicht mehr an eine Zukunft auf der Insel.
Petros ist geblieben, um die Pflege seiner Eltern zu organisieren und um zu verkaufen, was zu verkaufen ist.
Sein Flug um die Welt geht morgen.

Kali tichi! Viel Glück!

Ti na Kanoume

März 5, 2013

17. Juni 2012 nach dem Scheitern einer Regierungsbildung finden neuerliche Parlamentswahlen statt. Die Nea Dimokratia wird stärkste Partei mit 29.7 Prozent, gefolgt von der Syriza mit 26, 9 %. ND- Chef Antonis Samaraas wird Primierminister einer grossen Koalition mit der Pasok und der Dimar (Demokratische Linke) (vgl. Woz, Le Monde diplomatique Februar 2013 Dossier Griechenland)

Es ist nicht klar, ob es die Hitze oder der stetige Wind ist,
langsam aber sicher kommt dieses Gefühl der Schwerelosigkeit.
Sigar, sigar, langsam, langsam. Mensch reg dich nicht auf.
Morgen geht es doch auch noch.

Und das passiert mir! Sie haben mir es vorausgesagt. Und es ist gut so.

Ich bleibe länger beim Nachbarn als gedacht.
Setze mich noch ein wenig an den Hafen und sehe die Schiffe vorbeifahren und summe gedankenlos den Ohrwurm von Otis Redding.

Es ist möglicherweise etwas dick aufgetragen………aber es geht mir gut. Saugut!

Dieses „than pirasi“ ….“das macht doch nix“, das, was mich schon oft zur Weissglut gebracht hat, als es um wirklich (?) wichtige (?) Termine, Arbeiten oder Verabredungen ging, die dann plötzlich platzten, weil der Wind, die Fähre, die Grossmutter oder was weiss ich denn dazwischen standen…….dieses „than pirasi“ wirkt auf mich jetzt fast therapeutisch!
Ne!
Der Blick fürs „Jetzt“, das Gefühl für das Wesentliche, nämlich die für Liebsten und die damit verbundene Gelassenheit, naja, das, was wir früher so neidisch „mediterrane Lebensweise“ beschrieben haben, das hat was!!!
Immer noch!

Nun,
ich will auf dem Boden bleiben und die Sache nicht verklären.
Deutlich grenze ich mich von dem „Ti na kanoume“ ab.
Mit diesem fatalistischen „was können wir denn machen“……., das griechische „inch allah“, das herhalten muss, wenn es darum geht, sich aus der Verantwortung zu stehlen oder wenn die höheren Kräfte halt wieder mal die Hände im Spiel haben, und ich, ach so klein, so machtlos, einfach, nicht anders kann als das das Motorenöl in die Landschaft zu schütten oder die Nea Dimokratia zu wählen…….. mit diesem „ti na kanoume“ will ich nichts zu tun haben.

Aber, im Ernst, die Syriza ist ja nun wirklich ein zusammengewürfelter Haufen und das Programm voller haltloser Versprechungen.
Wie schon immer bei all den Anderen!
Und dann die Angst vor dem Ungewissen, der Drachme, dem Ruin und, vielleicht könnte es ja doch noch schlimmer werden, es wurde ja von der ganzen „westlichen Welt“ heraufbeschworen……dann käme das Chaos! Völlig!
Jetzt sind die alten Gangster an der Macht!
Wieder einmal!

Ti na kanoume.