Inselgeschichten
Eindrücke vom Leben auf der Insel Kythera
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……und jetzt?

September 25, 2014

 

Die schier unerträgliche Schockstarre löst sich. Langsam!

Familien flanieren abends wieder am Hafen von Agia Pelagia, es wird gelacht, und man geht – ab und zu – wieder mal aus. Die Teller werden leer gegessen. Die sonst so üblichen Speisereste sind verputzt. Die Rechnungen werden unaufgeregt geteilt und die Hahnenkämpfe um das Bezahlen werden seltener.

Mein Nachbar hat immer noch keinen Job, aber für seine Gelegenheitsarbeiten bekommt er jetzt wenigstens etwas Geld. Meistens.

Petros wirkt zufrieden, wenn ich mit meiner Entdeckung, dem „Fix – Dark“, dem neuen dunklen Bier , vorbeikomme. Nur nicht an den Winter denken. Hoffentlich ist er genau so milde wie die letzten.

Sogar im September sind Gäste auf der Insel. Viele von Ihnen müssen zwar auch jeden Cent umdrehen aber sie sind hier und profitieren von den Sonderangeboten, die die Veranstalter den Hotels und Tavernen abgerungen haben.

Die Besucher lieben nicht nur die Ruhe der Insel, sondern sie suchen oft das Gespräch mit den Leuten. Sie wollen wissen, wie es ihnen geht.

Die Scham über den dramatischen Abstieg vom (nicht nur) Europameister 2004 zum „Pleitegriechen“, dessen Lebensstil verletzend diffamiert wurde, legt sich langsam.

Zu deutlich sind die grundsätzlich politischen Unzulänglichkeiten, die sich auch bei anderen Staaten – nicht nur den südlichen – zeigen.

Endlich gibt es Raum für differenziertere Analysen und sogar, ab und zu, für Selbstkritik. Eine Spur von Hoffnung schimmert auf, auch wenn der Alltag die wahltaktisch motivierten „Aufschwungs-reden“ als Lüge entlarvt.

Nein, es ist nicht besser ( wie auch? Wie kann man in ein paar Jahren eine konkurrenzfähige Industrie aufbauen? Die Kredite für Staat und Bürger haben immer noch die höchsten Zinsen in Europa. Von Steuergerechtigkeit wird viel geredet aber nichts umgesetzt. Also: wer kann, zahlt nicht. Jetzt erst recht nicht! Naja….und wer jahrelang gelernt hat, dass es nur mit Hilfe von Freunden und Verwandten irgendwie weiter geht, kann es sich jetzt erst recht nicht leisten auf dieses Netz zu verzichten. Die Korruption blüht!).

Man hat sich mit der Situation arrangiert oder ist es besser zu sagen, abgefunden? Zum Beispiel gehen die Kinder jetzt Ende September immer noch nicht zur Schule, weil die Schulbusfahrer streiken. Sie warten noch auf Ihren Lohn von 2013. Ti na kanoume?! Was willst du machen!?

Ich sitze beim neu eröffneten Friseurladen von Elefteria in Karavas.

Sie setzt das gesamte, noch übrig gebliebene Vermögen Ihrer Familie und das von Ihrem Mann auf diese eine Karte! Sie hatte einen erfolgreichen Einstieg und ist gut gelaunt.

Wir plaudern über das neue Spital auf der Insel, über den langen Kampf gegen die Bürokratie (das Spital war 2012 fertig, dann hiess es, die Insel sei zu klein für ein Spital) bis es endlich vor wenigen Wochen – völlig gegen den griechischen Trend – eröffnet werden konnte. Klar, das ging nur mit den Geldern von australisch-griechischen Gönnern. Aber jetzt ist es da und sogar Leute aus Athen lassen sich hier behandeln.

Elefteria sprudelt vor Stolz und erzählt wie ein Wasserfall. Sie schwärmt von ihrer Tante, die das beste Honigmelonen Eis der Welt zaubere und wie sie mit anderen Frauen zusammen vielleicht eine Gelatteria eröffnen wollten. Natürlich mit Eiern von eigenen Hühnern und Rezepten direkt aus Rom! Ja! Und ob ich das wüsste, Freunde von ihr hätten eine Tauchschule eröffnet, und die Idee von dem River canyoning sei doch genial! Sie wolle am Abend noch ins Asticon, es käme eine bekannte Musikgruppe aus Athen, nein, sie glaube nicht, dass sie Lohn bekämen aber sie seien befreundet mit Panajotis dem Besitzer der Bar! Es wird ein toller Abend werden.

Meine Haare sind wieder kurz. Perfekt geschnitten.

Auf dem Heimweg überfällt mich plötzlich das Gefühl, ich könne hier alt werden.

Und das hat nichts mit dem Wetter zu tun. Die Sonne scheint auch in der Schweiz.