Inselgeschichten
Eindrücke vom Leben auf der Insel Kythera
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Schwarze Wolken

März 5, 2013

Geschrieben im Herbst 2011
Im Herbst 2011 wird das 3. „Rettungspaket“ zur Rekapitalisierung des griechischen Bankensektors (106 Milliarden Euro) verabschiedet. Der regierende Papandreou will das Programm durch eine Volksabstimmung absegnen lassen, Deutschland und Frankreich drängen zur Aufgabe des Plans. Papandreou tritt am 9. November zurück. Neuer Ministerpräsident wird der ehemalige Vizepäsident der Europäischen Zentralbank, Lukas Papadimos, der von einer breiten Koalition aus PASOK, NEA DIMOKRATIA und rechtsextremer LAOS getragen wird. (Vgl. Woz, Le Monde diplomatique Februar 2013 Dossier Griechenland).

Die dicken schwarzen Wolken sind wieder da.
Gleich wird es heftig schütten. Der Wind frischt böig auf.
Petros unser Nachbar freut sich.
Endlich!
In drei Wochen werden sie mit der Olivenernte beginnen, und der Regen kommt jetzt genau richtig.
Er verschliesst das Gatter für seine Schafe.
Elefteria, seine Frau, holt die Flickenteppiche von der Gartenbank ins Haus.

„Bis wann bleibt ihr?“ fragt er im Vorbeigehen. „Freitag? Das ist gut. Der Himmel wird schon am Dienstag wieder blau sein!“

Ich erwähne meine Sorge, wegen der angekündigten Streiks.
Mittwoch und Donnerstag. Generalstreik! Wieder einmal!
Im Kafenion sprechen sie davon, dass es diesmal länger und heftiger werden könnte. Es gäbe Kreise, die die Regierung zum Rücktritt zwingen wollten. Die Verzweiflung sei gross, die Stimmung völlig auf dem Siedepunkt. Es könne kippen in Athen. Komme, was wolle!

Petros schaut mich entgeistert an. Er will das nicht hören. Ich weiss, er schaltet seit Wochen die Nachrichten aus! Und die Diskussionen im Kafenion waren ihm schon immer ein Greul.

Der erste Blitz knallt durch den Himmel.
Am Freitag wird es klappen, murmelt er und bringt sich vor den nieder prasselnden dicken Tropfen ins Trockene.

Die Tränen

Februar 27, 2013


Geschrieben im Februar 2010
Am 22. 2. 2010 titelte das Magazin „Fokus“ mit „Betrüger in der Euro -Familie“ und
zeigte die Liebesgöttin Aphrodite mit dem „Stinkefinger“ (der rechten Hand erhoben, zur Faust geballt, nur der Mittelfinger reckt sich in die Höhe).
Ein Beispiel von einer unerträglichen Diffamierungskampagne der Presse, die zu einem regelrechten Schlagabtausch zwischen den Boulevard Blättern in Deutschland und in Griechenland führte bzw. immer noch führt. Bevölkerungsgruppen, die am meisten unter dem kapitalistischen System zu leiden haben, haben sich in den verschiedenen Staaten gegeneinander auf hetzen lassen.
Grundsätzliche Systemfragen bleiben in der breiten Diskussion aussen vor.
Die meisten Griechen stehen ihrem politischen System sehr kritisch gegenüber und wissen, dass es grundsätzliche, strukturelle Änderungen braucht. Die Beschimpfung von „aussen“ haben internen kritischen Stimmen eher geschadet und eher nationalistischen Bestrebungen Auftrieb gegeben.

Ich kenne sie schon fast 12 Jahre.

Klug, taff,
fast etwas zu cool.
Sie hat es im Griff, weiss, was sie will.
Immer wieder hat sie versucht sich gegen die alte Männergilde auf der Insel durchzusetzen.
Was hat sie geschimpft gegen die Bestechlichkeit, die Dummheit, das Chaos und das fehlende Recht!
Kämpferisch und mit klarem Sachverstand!

Jetzt spreche ich mit ihr über die Krise.

Es geht um immer mehr Menschen,
die -nicht nur in Athen- im Abfall nach Essbarem suchen.
Die Menschen, die sich und ihre Armut verschämt verstecken.
Die Fragen der Kinder, die nicht mehr zu beantworten sind
und ihre Angst als Mutter, die ihre Tochter und ihren Sohn ohne Perspektive in die Zukunft entlassen soll.

Das Land sei am Boden.
Die Forderungen absurd!
Es sei nichts mehr zu holen.

Und dann weint sie und hört fast nicht mehr auf.
„ Sie sollen uns doch endlich Bankrott gehen lassen.
Und vor allen Dingen:
Hört auf uns und unser Land zu demütigen!“

Näher am Paradies

Februar 26, 2013

Geschrieben im Sommer 2010.
Der Sommer in dem das 2. „Sparpaket“ im Parlament durchgeboxt wurde.

Die Swiss aus Zürich landet 5 Minuten früher als angesagt.
Der erste Koffer, so zeigt es die Anzeige, liegt um 13.31 auf dem Gepäckband.
Der Bus Nr. 96 nach Piräus fährt auf die Sekunde genau um 13. 45 ab.
Perfekt!
Es ist heiss. Griechenland im Sommer! So soll es sein! Heiss.
Nicht so, wie vor ungefähr 7 Wochen, als wir schlotternd und durchnässt bei Windstärke 8 am Hafen standen und auf die Fähre warteten.

Heute scheint in Athen der Asphalt zu schmelzen.
So ist das im Sommer. Immer noch.

Der Bus ruckelt über die Strasse.
Mir fallen bald die Augen zu.
Wie früher die Kinder, die bei der langen Fahrt über die Peloponnese ihre Müdigkeit vertreiben wollten, indem sie die kleinen Trauerhäuschen am Strassenrand zählten, bleibt mein Blick bei den Schildern „POLITI“ hängen.
Ich zähle……..zu verkaufen…..zu vermieten….
Nach einigen Strassenzügen bin ich bei 50 und höre erschrocken auf.

Meine Fähre liegt schon im Hafen.
Um 18.00 geht es los.
Endlich!

Es wimmelt vor kleinen und grösseren Fähren, Yachten, Tanker, Luxusschiffen. Sogar die Aida liegt vor Anker.
Auf dem Deck „meiner“ klapprigen „V. Kornaros“ spielen Kinder mit einem ziemlich aufgekratzten kleinen Hund. Eine Wandergruppe packt ihr Picknick aus. Einige verliebte Pärchen schmusen vor der untergehenden Sonne und lassen sich von netten Mitreisenden für die Ewigkeit fotografieren.
Die Hügelkette der Peloponnes verwandelt sich in der Abendsonne in eine purpurfarbene, fast unwirklich erscheinende Bühne.
Eigentlich viel zu kitschig und umwerfend schön!

Klar, dass der Nachrichtensprecher im Bord-TV mit keinem Blick gewürdigt wird,
auch wenn die eingespielten turbulenten Szenen aus dem Parlament und vom Syntagma in kurzen Abständen und mit Zoom wiederholt werden. Immer wieder!

Hier und jetzt sind wir dem Paradies deutlich näher als dem Untergang!
Doxa to theo! Gott sei Dank!