Inselgeschichten
Eindrücke vom Leben auf der Insel Kythera
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Und so fing alles an

Geschrieben Februar 2010

Ob es im Herbst 72 `oder `73 war?

Die alte, klapprige Roumilda……

Der Hafen von Ios war zu eng.
Der Wind zu heftig!
Wir konnten nicht anlegen und mussten halsbrecherisch auf kleine Boote umsteigen, die uns beängstigend schaukelnd an Land brachten.

Die weissen ineinander geschachtelten Häuschen in der Chora., …..
das Zimmer nur mit Tisch, Bett und Glühbirne,…..
die Taverne mit viel zu wenig Stühlen, und die Aufforderung der kochenden Oma doch selber zusammen zu zählen, wie viel es wohl kosten würde, ….wenigstens so ungefähr.

Hermann Hesse am Strand, der blaue Himmel, das glasklare Wasser.

Das Paradies!

Da konnten auch die völlig verdreckten Stehklos ohne Papier, der andauernde Durchfall und noch nicht mal die Chunta etwas daran rütteln!
Es war einfach unbeschreiblich schön!

Hier fing alles an!

Die Liebe zu diesem Land, zu den Leuten mit ihrer warmherzigen Art.

Schnell wurde Frau und Mann umarmt, geküsst (und das hat nichts mit Anmache zu tun!
Nein ist Nein! Sogar noch heute, sogar noch in Athen!).
Man war „Freund“, sollte mit trinken.
Nein! Panajia mu! Lass das Geld beiseite, du bist mein Gast! Aber klar!
Die schwermütige Musik, die ausgelassenen Tänze und die langen Nächte.

Nicht nur auf Ios habe ich öfters meinen Rucksack mit Pass, Ticket und Drachmen auf der Platia vergessen und am nächsten Tag mit irritierender Selbstverständlichkeit am gleichen Platz wieder gefunden.
Noch letztes Jahr stand unser Haus monatelang offen und alles war so, wie ich es verlassen hatte.

Die Ehre! Klar versucht der Taxifahrer sein Spiel, und er freut sich fast, wenn der Fahrgast sich auskennt und nicht mitspielt …….aber Diebstahl?
Er könnte nicht mehr auf der Insel bleiben.

Das Willkommen heissen, das Annehmen!
Du bist da!
Schön!
Wie alt sind deine Kinder? Wo ist deine Frau?
Das Interesse wirkt echt! Keine Floskel.
Ihr solltet mal unsere Nachbarn sehen, wenn wir nach dem langen Winter wieder auftauchen.
Es sind die Beziehungen, die zählen!
Nicht der Status oder die Karriere.

Die Familie geht vor. Daran kann auch ein wichtiger Geschäftstermin nichts ändern!
Meine Güte, was hat mich das bei der Rennovation unseres Hauses immer wieder an meine Grenze gebracht. Die kranke Mutter, die Schwangerschaft der Tochter oder die Ankunft des Bruders, alles war wichtiger als unsere Planungsbesprechung am Bau, zu der ich immerhin über 2000 km angereist kam!
Und es klappte trotzdem! Sie haben es geschafft! Manchmal improvisiert, manchmal mit enormem Einsatz, bei Wind und Wetter, in Schweiss und hart an der körperlichen Grenze!
Nicht zu den Büroöffnungszeiten sondern auch nach Mitternacht!
Sie arbeiten viel!
Und sie können feiern!
Das hat ihnen sogar die Welt 2004 beim Wunder der Europameisterschaft und bei der überraschend perfekten Olympiade bestätigt.

Und jetzt soll alles anders sein?

„The Greek way“ wird zum Inbegriff für Schlamperei, Korruption und Betrug.

Arbeiten? Wann arbeiten die denn? Gehen die nicht mit 55 in Pension??
Seit Jahren leben die doch über Ihre Verhältnisse!
Und jetzt streiken sie auch noch! Generalstreik!
Den gab es in der Schweiz seit 1918 nicht mehr!

Die Staatsverdrossenheit ist allgegenwärtig!
Das hat zwar Geschichte, aber die Meinung, dass die da oben sowieso nur in ihre eigene Tasche wirtschaften, egal ob ND oder PASOK, ist hoch aktuell.
So wird in bar und schwarz bezahlt, beim Bau, beim Arzt, bei der Nachhilfelehrerin, im Hotel, Restaurant und eigentlich fast überall. Wer Steuern zahlt gilt als Depp!

Noch 2008 belächelte uns Panajotis im Kafenion, als wir uns besorgt über die weltweite Finanzkrise äusserten.
Das hätte mit Griechenland doch nichts zu tun!
Die grösste griechische Bank sei sowieso staatlich und nicht am Roulette interessiert;
da seien die Schweizer ja schon tiefer im Sumpf.

Der Statt könne ja bankrott gehen, was soll`s, jeder habe irgendwo Land und irgendwie Schwarzgeld und, wenn es ganz schlimm käme, ein paar Tomaten im Garten.

Und jetzt das:

Die Sparschraube wird mit dem Druck aus Europa schmerzhaft umgesetzt.

Trotz aller Einsicht in die Notwendigkeit eines Kurswechsels und trotz des tiefen Misstrauens gegen die eigenen Volksvertreter, hat die Selbstkritik ihre Grenzen!
Seit der Europameisterschaft und der Olympiade lassen die Realitäten und die Kommentatoren kein gutes Haar mehr an den Griechen.
Ihre Souveränität ist so gut wie abgeschafft!
Zentrale politische Entscheidungen werden eher in Brüssel als in Athen getroffen.

Die Ehre ist in Gefahr!

Das Ausland ist Schuld! Am Spardruck, am Untergang und überhaupt!
Die einfachen Antworten liegen schon in der Luft.

Die von Brüssel geforderten und von der EU kontrollierten Gehalts- und Rentenkürzungen sind bedrohliche Realität.
(……und das in einem Land, wo die Milch teurer ist als in der Schweiz.)
Die Kaufkraft ist hin!

Die Lebensarbeitszeit wird mit der EU- Brechstange sprunghaft nach oben gesetzt.

Den Kampfansagen an Steuerhinterzieher glaubt kaum jemand.
Die richtig Grossen, die, die auch bisher mit Mauscheln und Betrug gewonnen haben, werden es auch diesmal wieder schaffen.
Das grosse Kapital verlässt seit Wochen das Land oder wohnt sowieso schon in Genf.
Und, ……die Finanzbeamten streiken!

Diejenigen, die auch jetzt nur mit zwei oder 3 Jobs äusserst knapp über die Runden kommen, haben keine einflussreiche Verwandtschaft.
Ihr „Gemauschel“, der Job beim Freund vom Nachbarn ist dringend nötig, um z.B. der Tochter die völlig überteuerte Wohnung in der Universitätsstadt zu finanzieren.

Und wofür?

Die Arbeitslosigkeit nimmt sprunghaft zu.
Der verordnete Einstellungsstopp als Sparprogramm erhärtet für die Jungen die sowieso schon erlebte Perspektivlosigkeit!
Panajotis aus „unserem“ Kafenion schenkt mir noch einen ein.
Panajia mu! Lass das Geld stecken.
Die Situation sei wirklich düster, meint er, aber der Ouzo und der kleine Fisch,
die lägen noch drin! Ehrensache. Ich sei sein Gast!
Sie würden sich wehren, da könnten andere in Europa von ihnen lernen,
sie würden improvisieren, auch damit hätten sie mehr Übung als die Perfektionisten.
Sie würden den Kopf nicht hängen lassen,……..sie würden es schaffen!!
Griechenland hätte in seiner Geschichte schon andere Stürme überwinden müssen.

Augen zwinkernd schaut er mich an und zeigt auf das alte Dorf und das ferne Meer!
Das ist echt! Auch der Himmel! Nix geschummelt!
Aus diesen Wellen ist schon Aphrodite gestiegen! Ehrlich!

geschrieben im Februar 2010

1 Kommentar
Juli 5, 2013 at 3:04 pm

Genau so war es , genau so ist es, genau so bleibt es.
θεν εχο τιποτα
θεν ελ[πισο τιποτα
θεν φοβαω τιποτα
ιμε ελεφτεροσ
Nur wessen Herz für Griechenland schlägt, kann so schreiben und so empfinden – nur, wer mit dem Herzen sieht, sieht wirklich gut – das wusste schon der Fuchs aus dem kleinen Prinzen.

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